Ich bin wirklich froh, dass ich mit Hilfe moderner Medikamente meine Post-Covid Erkrankung unter Kontrolle habe. Allerdings muss ich regelmäßig sieben verschiedene Präparate einnehmen, acht Tabletten pro Tag. Und alle meine Medikamente kommen in Blisterpackungen. Das sind jene Packungen, in denen jede Tablette einzeln in einer Vertiefung liegt und herausgedrückt werden kann. Fast immer bestehen diese Blister aus Alufolie und Plastik, die als sogenannte Verbundstoffe untrennbar miteinander verschweißt sind. Diese Methode Dinge zu verpacken ist für den Hersteller zwar effizient, problematisch werden solche Verbundstoffe aber nach dem Gebrauch: Sie werden kaum recycelt. Die Rohstoffe – Aluminium und Kunststoff – können nur schwer oder gar nicht voneinander getrennt und wiederverwendet werden.
So froh ich über meine Medikamente bin, so sehr ärgere ich mich über den Müll, den ich damit produziere(n muss). Pro Woche fallen bei mir 7,5 g Blisterpackungen als Abfall an. Das sind aufs Jahr gerechnet 3,9 kg Blisterpackungen. Ich „produziere“ also fast 4 kg Abfall-Verbundstoff pro Jahr durch Medikamente, auf die ich für eine angemessene Lebensqualität angewiesen bin. Falls ich die Medikamente für den Rest meines Lebens nehmen muss – und sich an der Art der Verpackung nichts ändert – fallen bis zu meinem achtzigsten Lebensjahr 120 kg Blisterpackungen an. Am Ende meines Lebens werde ich damit also wesentlich mehr als mein eigenes Körpergewicht an Verbundstoff für den Abfall produziert haben1.
Natürlich sind auch viele andere Dinge – hauptsächlich Lebensmittel – in Verbundstoff verpackt: Getränkekartons bestehen oft aus einem Verbund gleich dreier Materialien: Karton, Aluminium und Kunststoff. Ein bekannter österreichischer Waffelhersteller wickelt seine Kekse in einen Aluminium-Papier Verbund. Auch Verpackungen aus Kunststoff-beschichtetem Papier fallen in diese Kategorie.
Der Unterschied zu meinen Blisterpackungen: Bei Lebensmitteln kann ich mich für eine nachhaltigere Verpackungsalternative entscheiden. Bei Medikamenten habe ich diese Wahlfreiheit nicht.

In Deutschland 2 und Österreich3 werden leere Medikamentenblister gemeinsam mit anderen Kunststoff- oder Metallverpackungen in der „gelben Tonne“ bzw. dem „gelben Sack“ entsorgt. Bei den Abfallbehandlern werden die unterschiedlichen Verpackungsmaterialien aussortiert. Reine Kunststoff- oder Metallverpackungen können danach eingeschmolzen und wiederverwendet werden.

Bei Verpackungen aus Verbundstoffen wie Medikamentenblistern oder Getränkekartons sind aber zwei oder mehr Materialien so miteinander verklebt oder verschweißt, dass man sie nicht einfach voneinander lösen kann. Sie können dadurch nur schwer in ihre Bestandteile zerlegt und in den Materialkreislauf zurückgeführt werden.

Trotzdem müssten sie nicht unbedingt sofort auf der Mülldeponie landen. Denn die einzelnen Bestandteile sind wertvolle Rohstoffe. Unternehmen, die Abfall behandeln, haben daher ein Interesse, diese Stoffe – Kunststoff und Aluminium im Fall von Medikamentenblistern – aus dem Verbund herauszulösen und weiterzuverkaufen. Vor allem aber ist es ökologisch am nachhaltigsten, Rohstoffe im Kreislauf zu halten, statt sie immer wieder neu mit großem Energieaufwand abzubauen.
Chemisch könnten Verbundstoffe in ihre Einzelteile getrennt werden, das ist aber alles andere als umweltfreundlich. Umweltverträglicher sind physikalische Trennmethoden, die zwei Stoffe anhand ihrer unterschiedlichen Eigenschaften (zum Beispiel der Dichte oder der Schmelztemperatur) trennen.

Prinzipiell existieren für Blisterpackungen Maschinen, die genau das können4: Die Blister werden zunächst zu einem Granulat mit ungefähr einen Zentimeter großen Stücken geschreddert. Dieses Granulat wird im nächsten Schritt zu feinem Pulver gemahlen. Dabei sollte sich das Aluminium zumindest zum Großteil vom Kunststoff lösen. Heraus kommt ein feines Gemisch aus Aluminium-Pulverkörnchen und Kunststoff-Pulverkörnchen. Dieses Pulvergemisch fällt dann durch eine Trennmaschine, die sich das physikalische Prinzip der Elektrostatik zunutze macht: Durch das feine Mahlen lädt sich das Kunststoffpulver elektrisch auf. Es wird dann durch ein elektrisches Feld fallen gelassen, das die Kunststoff- und Aluminiumkörnchen in unterschiedliche Richtungen ablenkt. Am Ende dieses Prozesses erhält man laut Hersteller der Maschinen Aluminiumpulver und Kunststoffpulver mit jeweils bis zu 99-prozentiger Reinheit.
Diese Pulver können entweder eingeschmolzen und als Recyclingmaterial weiterverwendet werden. Oder sie werden direkt als Pulver weiterverwendet, zum Beispiel als Brennmaterial in Feuerwerkskörpern: Bei 400°C entzündet sich Aluminiumpulver und verbrennt grell weiß oder erzeugt silberne Funken5.
Sinnvoll eingesetzt werden solche Trennmaschinen bisher allerdings nur im Pharmabereich oder in Krankenhäusern, wo größere Mengen an Industrieresten oder von Maschinen geöffneten Verpackungen anfallen.

Die Vorstellung, dass der Verpackungsabfall meiner Medikamente vielleicht irgendwann als Feuerwerk enden könnte finde ich – wenn schon nicht umweltfreundlich – zumindest witzig.
Allerdings werden meine Medikamentenblister eher nicht den Weg aus der gelben Tonne in ein echtes Recyclingverfahren finden und in ihre Bestandteile zerlegt in den Materialkreislauf zurück kommen. Ich habe bisher keinen Hinweis darauf gefunden, dass in Österreich Recyclingkapazitäten dafür vorhanden wären.


Bist du selbst von einer chronischen Erkrankung oder Behinderung betroffen, und machst dir Gedanken darüber, ob und wie du trotzdem klimafreundlich und nachhaltig handeln kannst?
Vielleicht ärgerst du dich auch über nicht recycelbaren Pharma-Abfall? Oder erschwert etwas ganz anderes deine Teilhabe am Klimaschutz? Teile deine Erfahrungen gerne in den Kommentaren. Meine Recherche wird weitergehen – vielleicht auch mit genau deinem Thema.


  1. Da sich bei der Erwähnung von Post-Covid nach wie vor so mancher bemüßigt fühlt, „gesunde Ernährung“ und „Meditation“ als ausreichenden Ersatz für Medikamente zu raten, sei hier darauf hingewiesen, dass die Rechnung auch bei anderen chronischen Erkrankungen aufgeht. ↩︎
  2. https://www.muelltrennung-wirkt.de/de/muelltrennung/was-gehoert-in-welche-tonne/restmuell-tonne/medikamente/ ↩︎
  3. https://www.muelltonne.at/tags/blister/ ↩︎
  4. https://de.gominerecycling.com/wissen/wie-trennt-man-aluminium-und-kunststoff-auf-der-aluminium-kunststoff-folie.html ↩︎
  5. https://www.feuerwerk.net/wiki/Aluminium ↩︎